Es gab viel zu Lachen im "Haus von Montevideo"
Von Kathrin Staffel
Bad Homburg. Der Herr Professor Nägler (Jürgen Fischer) ist ein Moralapostel und Haustyrann. Der Lehrer für alte Sprachen zitiert gerne lateinische und griechische Sprüche, kann selbst am Familientisch das ,,Abhören" der Kinder nicht lassen und hat das Stöckchen stets griffbereit. Seine Familie schwimmt nicht gerade im Geld und muss sich bescheiden, nicht zuletzt deshalb, weil der Professor und seine Frau Marianne (ChristianeLoos) beim Nachwuchs nicht gespart haben. Inzwischen ist das Dutzend voll,
und als diese stattliche Kinderschar gleich am Anfang aufgereiht wie die Orgelpfeifen auf der Bühne Aufstellung nimmt und sich sodann an der riesigen Familientafel niederlässt,jubelt das Publikum im Kurtheater.
Die Zuschauer hatten bei dieser spritzigen Aufführung der Volksbühne ,,Das Haus in Montevideo" noch häufig Grund zum Lachen. Heinz August Möller hat diesen reizvollen Evergreen von Curt Goetz flott in Szene gesetzt und das große Ensemble sicher und mit vielen guten Einfällen gefüihrt. Vor allem der Herr Professor und seine Gattin hatten eine Menge Text zu bewältigen, doch bereits bei der ersten Aufftihrung am Sonntagnachmittag im fast voll besetzten Haus waren alle großenund kleinen Akteure sehr sicher und konzentriert bei der Sache. Ein fantasievollesBühnenbild war das Tüpfelchen auf dem i. Ständiger Gast im Haus ist der Herr Pfarrer (Thomas Bandy). Zwar geraten er und der Professor immer mal wieder aneinander, verstehen sich aber im Grunde sehr gut, und so darf der Geistliche mit nach Montevideo reisen, um die Erbschaft der verstorbenen Schwester des Professors zu begutachten. Diese hatte der moralinsaure Bruder aus dem Haus geworfen, als die junge Frau mit 17 Jahren ein uneheliches Kind bekam. Der gestrenge Bruder fürchtet nun mit Recht, dass die seiner ältesten Tochter Atlanta zugedachte Erbschaft, eine großzügige Villa mit Park in Montevideo, ein Racheakt der Verstoßenen sein könnte. In der Tat hat die Sache einen Haken, wie die Gäste vom geschäftigen Anwalt (Rainer Maria Ehrhardt) an Ort und Stelle erfahren. Das stattliche Anwesen, das die beiden Herren irrtümlich für ein Bordell halten, wird Atlanta (Sinja Baier) an ihrem 21. Geburtstag zwar zufallen, das riesige Barvermögen ist indes mit einem vertrackten,,Kläuselchen" verbunden: Es wird Professors nur zukommen, wenn binnen eines knappen Jahres ein weibliches Familienmitglied mit einem unehelichen Kind niederkommt. Nun ist guter Rat teuer und der ach so moralische Herr Professor gerät ganz schönin die Bredouille. Die Familie kann das Geld zwar gut gebrauchen,der ältesten, fast 17-jährigen Tochtervon wegen der Moral ein so unmoralisches Opfer aber nicht zumuten. Es trifft sich zwar gut, dass diese bereits einen Bräutigam hat (Matthias Nitsch). Leider hat dieser Herbert Kraft viel zu viel Angst vor dem Professor und keine Traute, ihn um AtlantasHand zu bitten. Aus Arrgst, die ,,reiche" Erbin zu verlieren, ist er ihr und den beiden Herren nach Montevideo nachgereist und seiner Liebsten auch zufällig im Hotel begegnet. Aus Sorge, Atlanta könne in der vermeintlichen ,,Freudenvilla" unter schlechten Einfluss geraten, hat sie der Vater im Hoteleinquartiert. ,,Passiert" ist in jener Nacht allerdings nichts und der Professor weiß nicht so recht, ob er darüber froh sein oder es bedauern soll. Es dauert eine Weile, bis die Gäste im Haus in Montevideo darüber aufgeklärt werden, dass die Schwester eine große Sängerin war, die den größten Teil ihres Vermögensdafür verwendet hat, jungen Frauen das gleiche Schicksal zu ersparen, wie es ihr widerfahren ist.
Wieder zu Hause, finden sich Professors damit ab, dass das große Erbeverloren ist, moralisch unterstützt vom Herrn Pfarrer. Aber ein Autor wie Curt Goetz hat auch zu guter Letzt noch einen Trumpf im Ärmel, diesmal in Form von 27 Zentimetern. Um die ist nämlich das Schiff ,,Atlanta" zu kurz, auf dem Professors einst getraut wurden und auf dem auch Tochter Atlanta und ihr Herbert den Bund fürs Leben schließen wollen. Nach neuerer Gesetzeslage ist das nicht mehr möglich, weil dem Schiff eben jene 27 Zentimeter an Länge fehlen. Damit nicht genug, auch alle bisherigen Eheschließungen sind ungültig, und so stehen Professors mit zwölf unehelichen Kindern da. Frau Marianne kann sich vor Lachen kaum halten: ,,Dass Dir das passieren muss!" ruft sie dem verdatterten, inzwischen aber etwas geläuterten Gatten zu.
Damit ist die Erbschaft gerettet und am Ende verbeugen sich alle Akteure artig vor dem begeisterten Publikum.Sie haben alle sehr gut gespielt, allen voran Professors, das junge Paar, der Herr Pfarrer, Ingrid Petry als Haushälterin Martha und Detlev Byns als Bürgermeister. Ein großes Lob verdient die Kinderschar mit ihren im Wortsinn ,,sagenhaften" Namen. Manche Jungakteure hätten anfangs über die Brille auf der Nase und die Klamotten von anno dazumal gemurrt, verriet Dagmar Möller, aber da es nur die Alternative gab, mitzuspielen oder die Rolle einem ,,Kollegen" aus der Jugendgruppe zu überlassen, blieben alle bei der Stange. Fest steht, bei diesem Reservoir an guten Akteuren aller Altersgruppenmuss es einem um die Zukunft der Volksbühne nicht bange sein.