Volksbühne besticht durch Authentizität
Von Michael Jacob
Bad Homburg. Der Innenraum des Kulturzentrums Englische Kirche scheint geradezu inspirierend auf die Kunstschaffenden zu wirken. Bereits bei der neuen Varieté-Produktion bediente man sich nicht des ehemaligen Altarraumes als Bühne, sondern installierte ein Podium mitten im Raum. Beim Stück „Zwei Waagrecht“ von Jerry Meyer, das von der Volksbühne aufgeführt wurde, nutzte auch Regisseur Rainer Maria Ehrhardt die Chance, das Publikum von allen Seiten hautnah am Geschehen teilhaftig werden zu lassen. Die Idee bot sich an, spielt doch die Komödie in einem Zug und so platzierte Ehrhardt auf einem langen Podest zahlreiche Stühle, um die Sitzreihen des Zuges anzudeuten.
Die Situation könnte direkt aus dem Alltag stammen: Zwei Personen betreten mitten in der Nacht einen Zug und vertiefen sich in ein Kreuzworträtsel es ist zufällig das Gleiche. Sie fühlt sich anfangs belästigt und versucht, dem Gespräch mit dem Mann auszuweichen. Doch der lässt nicht locker. Nach und nach werden die anfangs belanglosen Plaudereien tiefgründiger. Sie erzählt von den Problemen mit ihrem Sohn, er von seiner Arbeitslosigkeit und dem schwierigen Vater. Um sich aus dem Wege zu gehen, wechselt man die Plätze. Doch das Kreuzworträtsel verbindet immer wieder aufs Neue. Schließlich funkt es bei ihm und er gesteht: „Ich will sie!“
Mit Stephanie Mau und Olaf Pessler standen Rainer Maria Ehrhardt zwei professionelle Künstler zur Verfügung, die als Sprecher in Rundfunk und Fernsehen arbeiten. Mit dezentem Charme wehrt Stephanie Mau die Annäherungen ihres Gegenübers ab, um zunächst brüsk ihre Arbeit als Psychologin herauszukehren und sich dann immer mehr zu öffnen. Olaf Pessler changiert gekonnt zwischen der plumpen Anmache und dem schüchternen Herantasten. Beiden Darstellern gelingt es vortrefflich, eine faszinierende Natürlichkeit zu präsentieren. Hier wird kein Textbuch heruntergebetet, die Dialoge wirken wie aus dem Leben gegriffen. Daher gelingt es den beiden Schauspielern in dem Zwei-Personen-Stück, das Publikum bis zuletzt zu fesseln. Die Spannung des lebendigen Gesprächs ist in jeder Minute spürbar.
Wer wissen möchte, ob es nach dieser Bahnfahrt tatsächlich zu einem Rendezvous kommen wird, sollte sich eine der weiteren Aufführungen am Freitag, 18. April, und Samstag, 19. April, jeweils von 20 Uhr an in der Englischen Kirche, nicht entgehen lassen. Karten zu den Vorstellungen gibt es an der Abendkasse oder bei Tourist Info + Service im Kurhaus.
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| Die "Bad Homburger Woche" schrieb am 17.4.2008:
Rätsel und ihre Lösungen
Von Kathrin Staffel
Bad Homburg.
Stephanie Mau und Olaf Pessler sind ein großartiges Gespann. Das haben sie vor zwei Jahren in dem Zwei-Personen-Stück „Wahre Szenen einer Ehe" bewiesen, das Rainer Maria Ehrhardt für die Volksbühne in der Englischen Kirche inszeniert hatte. In gleicher Besetzung und am gleichen Ort begeistern die drei „Profis" nun mit der Komödie „Zwei Waagerecht" von Jerry Mayer.
Diesmal hat sich die Englische Kirche in ein intimes Zimmertheater verwandelt: Lange Bühne, eingerichtet wie ein Eisenbahnabteil in der Mitte, die Zuschauer ringsum „hautnah" am Geschehen. Im sonst leeren Abteil sitzt eine Frau, offensichtlich damit beschäftigt, ein Rätsel zu lösen. Der Mann steigt ein, zögert etwas, setzt sich dann aber doch der Frau gegenüber. Zufällig ist er mit der Lösung desselben Kreuzworträtsels beschäftigt und diese Tatsache ist der Einstieg in einen Dialog, in dessen Verlauf mehr als ein Kreuzworträtsel zur Lösung ansteht. Raffiniert, geistreich und mit Wortwitz zeichnet der Autor ein Psychogramm dieser beiden Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie, Psychologin von Beruf, ist sehr korrekt, fast pingelig, geht bei der Lösung des Rätsels „logisch" vor, denkt, wie es die kniffligen Fragen verlangen, „um die Ecke" und hat für alle Fälle ein französisches Wörterbuch und einen Atlas in der Handtasche. Er ist von der impulsiven Sorte, schnell bereit, die nächstbeste Lösung einzutragen, auch auf die Gefahr hin, dass diese falsch ist. Sie ist genervt und setzt sich woanders hin. Er nimmt das Kreuzworträtsel als Vorwand, ihr hinterher zu ziehen. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrfach, begleitet von Wortgefechten, die so spontan und „natürlich" wirken, als wären sie den beiden gerade erst in den Sinn gekommen.
Es ist faszinierend, wie behutsam und dabei doch zügig der Autor die Annäherung dieser beiden Charaktere vollzieht, deren Leben keineswegs ohne Probleme ist. Sie hat Angst um den Sohn, der sich gerade freiwillig und gegen ihren Willen zu den Fallschirmspringern gemeldet hat. Er, Erbe einer Knopffabrik, die seit 160 Jahren in Familienbesitz ist, kommt mit seinem Vater nicht klar. Den stört die Risikobereitschaft des Sohnes, der deshalb das Handtuch geworfen hat und seitdem arbeitslos ist.
Es dauert eine Weile, bis beide solche persönlichen Dinge zur Sprache bringen. Allmählich fasst vor allem die Frau Vertrauen, weil sie merkt, dass hinter dem, was sie als pure „Anmache" abtun wollte, echte Anteilnahme und Mitgefühl stecken. Sie lässt sich schließlich überzeugen, dass es besser ist, die Entscheidung des Sohnes zu akzeptieren und ihm beizustehen, anstatt ihn zu kritisieren und allein zu lassen. Weil es Handys gibt, kann sie ihm das sogar noch rechtzeitig mit auf den Weg geben. Er sieht ein, dass er in die elterliche Fabrik zurückkehren und sich seinem Vater stellen muss, den er im Grunde liebt und respektiert.
An der Endstation ihrer zweistündigen Nachtfahrt haben beide sowohl das Kreuzworträtsel als auch so manches private Problem gelöst. Da es weder den Ehemann noch die Ehefrau oder feste Freundin gibt, hinter denen sich beide zunächst verschanzt hatten, steht eigentlich einem Treffen nichts im Weg. Ob es wohl dazu kommt und er den Ort errät, den sie dafür vorschlägt? Die Antwort darauf können Theaterfreunde bei Aufführungen am Freitag 18., und Samstag, 19. April, jeweils um 20 Uhr in der Englischen Kirche, selbst herausfinden.
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